Grußwort des Präsidenten

Der diesjährige djt in Erfurt ist Anlass zu großer Freude, handelt es sich doch um den 75sten Juristentag, den der bereits 1860 gegründete Verein Deutscher Juristentag veranstaltet. Der Jubiläumsjuristentag steht dabei ganz in der Tradition der Tagung, die geprägt ist durch das Bestreben, „unter Ausschluß jeder Parteipolitik und jeder einseitigen Interessenvertretung für eine gerechte und zweckentsprechende Fortbildung des Rechts auf dessen gesamten Gebiet (zu) wirken.“ So heißt es treffend in einer früheren Fassung der Vereinssatzung. Dieses Bestreben erfolgreich zu verfolgen und umzusetzen, ist in der Geschichte des Vereins nicht immer leicht und zeitweise während der nationalsozialistischen Willkürherrschaft sogar unmöglich gewesen. Aber auch aktuell sind Anzeichen für eine nachlassende Rechtsbindung auf zahlreichen Ebenen ebenso wahrnehmbar wie eine zunehmende Skepsis gegenüber Wissenschaft und Wissenschaftsorientierung.

Gerade deshalb weckt der 75. djt mit der Themenauswahl in den sechs Fachabteilungen große Hoffnungen, durch die Art und Weise der Befassung mit den Themen selbst weithin sichtbare Zeichen für aufgeklärte und zukunftsorientierte Rechtspolitik im liberalen, demokratischen Rechtsstaat zu setzen. Die Abteilung Zivil- und Sozialrecht widmet sich dem Thema „Wohnen für alle“ und damit einer der existentiellen Fragen unserer Zeit. Dies gilt in entsprechender Weise für die Abteilungen Öffentliches Recht und Strafrecht. Es geht dabei um nichts weniger als um Voraussetzungen der kollektiven Existenz unseres Staates und unserer Gesellschaft sowie die Sicherung der Voraussetzungen für eine selbstverantwortliche Entscheidung über die individuelle Existenz. Am Puls der Zeit sind auch die Abteilungen Arbeitsrecht und Wirtschaftsrecht. Beide Abteilungen stehen damit in der Tradition des djt, in den vergangenen mehr als 165 Jahren bedeutende Reformen im Arbeits- und Wirtschaftsrecht angestoßen zu haben. Besonders auf die Zukunft gerichtet ist die Abteilung „Juristische Ausbildung“. Angesichts der in der Dimension noch gar nicht absehbaren Veränderungen der juristischen Arbeitswelten vor allem durch den Einsatz von KI, geht es bei der Gestaltung der Juristischen Ausbildung vor allem darum, dass im demokratischen Rechtsstaat des Grundgesetzes auch künftig die Rechtsanwendung durch Menschen und nicht durch künstliche Intelligenz verantwortet wird.

Wirken Sie durch Ihre Teilnahme am 75. djt daran mit, unsere Gesellschaft und unseren liberalen demokratischen Rechtsstaat lebendig zu halten. Seien Sie dabei, wenn in der Tradition der vergangenen 74 Juristentage die Zukunft in diesem Sinne durch wissenschaftsorientierte Rechtspolitik mitgestaltet wird. Der djt und ich persönlich freuen sich sehr auf Sie.


Ihr

Henning Radtke

Präsident des 75.
Deutschen Juristentages
Richter des BVerfG Prof. Dr. Henning Radtke